Buchempfehlung

Monatlich stellen wir Ihnen hier ein Buch vor, das ein Mitarbeiter bzw. eine Mitarbeiterin unseres Hauses besonders empfehlen möchte.
Sie alle kennen diverse „Bestsellerlisten“. Abseits von diesen vermeintlichen „Meistverkauft-Titeln“, auf die Sie sicherlich an vielen Orten bereits hingewiesen werden, möchten wir Sie hier auf literarische Blüten, die vielleicht eher im Verborgenen blühen, aufmerksam machen.

Das Glück auf der letzten Seite

von Cathy Bonidan
Zsolnay Verlag 2022
IBSN 978-3-442-49215-2
23 €

Die Verlegerin Anne-Lise Briard entdeckt in ihrem Hotelzimmer ein Manuskript unbekannfter Herkunft und macht sich auf die Suche nach dessen Verfasser. Ihre Briefwechsel ziehen immer weitere Kreise, immer mehr Fäden, sprich Menschen, werden verwoben. Mit all ihren Sehnsüchten. Ein intelligenter Roman, den ich nicht aus der Hand legen mochte. Mit glaubwürdigen Charakteren, voll philosophischer Tiefe und Schmunzeln über allzu menschliche Animositäten. Stimmig aus dem Französischen von Ina Kronenberger übersetzt (von einer kleinen Ausnahme abgesehen).
Ein Buch zu dem ich zwei Ratschläge gebe: Erstens sich nicht von Cover und Titel abschrecken lassen – es ist durchaus ein Buch für Männer und Frauen reifen Alters! Und zweites: Sich zurückziehen und in einem Rutsch lesen!

TH1RT3EN

von Cavanagh
Goldmann 2022
IBSN 978-3-442-49215-2
13 €

Thriller mal ganz anders! Statt zu rätseln, weiß man hier von Anfang an, wer der Mörder ist. Trotzdem mag man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Der Filmstar Bobby Solomon wird beschuldigt, seine Frau und den Bodyguard ermordet zu haben. Er beteuert seine Unschuld, aber alles spricht gegen ihn. Seine ganze Hoffnung ruht auf Strafverteidiger Eddie Flynn. Der glaubt Bobby. Bei seinen Recherchen stößt Flynn bald auf Widersprüche. Mit seinen unkonventionellen Methoden kommt er dem hochintelligenten, eiskalten Serienkiller Joshua Kane auf die Spur. Dieser ist nach monatelanger Planung als Geschworener Teil der Jury im Prozess gegen Bobby. Bis zum Schluss fiebert man mit. Fragt sich, ob Flynn es schafft, den Killer zu überführen und damit Bobbys Unschuld zu beweisen. Oder wird Joshua Kane wieder davonkommen? Dieser Thriller hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Nichts ist wie es scheint. Alles kommt anders, als man denkt.

Der Buchspazierer

von Carsten Henn
Pendo Verlag
ISBN 978-3-86612-477-6
14 €

Eine Hommage an die Welt der Bücher! Und an all jene, die uns auch in Krisenzeiten mit diesem besonderen „Lebensmittel“ versorgen.
Der betagte Protagonist Carl Kollhoff liefert seinen Kunden seit jeher die bestellten Bücher vor die Haustür. Er folgt seiner festgelegten Routine und hält sich strikt an die Regel, sich nicht in das Leben seiner Kund*innen einzumischen. Sein geordnetes Leben ändert sich schlagartig als die neunjährige Schascha auftaucht. Sie weicht ihm nicht mehr von der Seite und stellt auf ihre kindliche Art Fragen, die sowohl Herrn Kollhoff als auch seine Kundschaft mit sich selbst konfrontieren.
Ein Buch über das Geschenk geschriebener Worte und den Wert von Freundschaft. Eine Einladung zum Lesen, Lachen, Weinen und Nachdenken.
Ein sanft wogendes Buch, das sich liest wie ein schöner Sonntagsspaziergang.

Merit und das Rätsel um die Brust

von Ineke Naendrup
Kid Verlag 2022
ISBN 978-3-947759-96-5
12 €

„Busen“ – den haben nur Frauen! Klar! – Klar? Was ist mit „Brüsten“? Haben Männer Brüste? Oder eine Brust?
Doch fangen wir ganz klein an: Da ist Merit, vermute 8 oder 10 Jahre alt. Sie genießt den Sommer mit ihren Freunden, wie gewohnt in Badehose, bis sie aus hei-terem Himmel von einem gleichaltrigen Knirps ange-blafft wird, man sehe ja ihre Brüste. Oh Schreck! Völlig irritiert macht Merit sich auf und erkundet ihre Welt. Mit eben dieser „Brüstebrille“!
Mit treffsicherem Stift illu-striert, gespickt mit kleinen witzigen Details, verhilft die Autorin Merit und uns zu Erkenntnissen rund um das, was nur bei Frauen eine solche Bedeutung hat und zum schicklichen Verstecken nötigt. Ein Heft mit ausgewogenen Text-Bild-Anteilen, das sehr viel mehr für Klein und Groß zu bieten hat, als es auf den ersten Blick vermuten lässt: Es regt auf humorvolle Weise zum Nachdenken, zum Miteinander-ins-Gespräch-kommen an über ein teilweise noch immer schambehaftetes Thema!

Tagebuch eines Buchhändlers

von Bythell, S.
ISBN 978-3-442-71865-8
btb Verlag
11 €

Löst die Vorstellung, die Zeit inmitten von Büchern zu verbringen, auch bei Ihnen eine Sehnsucht aus?
Dann empfehle ich Ihnen dieses Tagebuch des schottischen Antiquars Shaun Bythell, Inhaber von „The Bookshop“ in der Küstenkleinstadt Wigtown, der laut Verlag größten Secondhand-Buchhandlung des Landes.
In kurzweiligen Tages-notizen lässt er uns teilhaben an seinen menschlichen und kaufmännischen Erlebnissen. Ein engagierter Kollege, der auch Zeit findet zum Lachsangeln und nächtlichen Kneipengang.
Sie erfahren: Eine Menge über das Wohl und Weh im Buchhandel, über das (zunehmende) Angebot gebrauchter Bücher, den Schicksalen, die dahinter stehen. Aber auch über die Auswirkung der Marktmacht bekannter Onlinehändler. Der kleine Buchladen im Netzwerk des internationalen Handels, für den das Buch nur eines von vielen Produkten ist.
Kein Sachbuch, sondern – wie der Titel schon sagt – eben ein Tagebuch – absolut persönlich und wunderbar „very british“ oder genauer „very scotish“ geschrieben, wie wir es lieben, zum Schmunzeln und Schlauwerden.

Insel der verlorenen Erinnerung

von Yoko Ogawa
ISBN 978-3-95438-122-7
Aufbau Tb
13 €

Auf einer namenlosen Insel vor dem japanischen Fest-land verschwinden nach und nach Dinge des alltäglichen Lebens. Es gehen Hüte, Spieluhren oder sogar Blumen und Tiere für immer verloren. Das Ungewöhnlichste daran ist aber: Die Bewohner der Insel nehmen diese Verluste einfach so hin. Sie zerstören die übrig-geblieben Gegenstände und vergessen das Verschwundene schnell.
Es gibt nur einige Wenige, die fähig sind, sich zu erinnern. Deshalb werden sie als Gefahr für das „System“ angesehen und gnadenlos von der „Erinnerungspolizei“ gejagt und deportiert. Die verschwundenen Dinge sollen für immer aus dem Leben und den Köpfen der Menschen ausgelöscht bleiben! Die Protagonistin, eine Schriftstellerin versucht sich gegen das System zu stellen. Sie versteckt ihren Verleger, dem die Festnahme droht und arbeitet unermüdlich an ihrem letzten Roman. Denn niemand weiß, ob nicht auch bald alle Bücher verschwinden werden.
Yoko Ogawas Bestseller ist eine faszinierende Parabel über den Verlust von Freiheit und die Bedeutung der eigenen Vergangenheit. Aktueller denn je!

Das Evangelium der Aale

von Patrik Svensson
ISBN 978-3-423-34994-9
dtv Verlag
12.90 €
auch als e- und Hörbuch erschienen

Patrick Svenssons fesselnder Debütroman, „Das Evangelium der Aale“ entführt uns in die Tiefen des Atlantiks zu einem rätselhaften Fisch und an die schwedische „Aalküste“. Der Vater brachte Svensson Junior, bei Aale zu fangen. Gemeinsam am Fluss stehend war die Nähe zueinander am stärksten spürbar. Svensson gelingt es in grandioser Weise seine eigene Biographie sowie die Suche des Menschen nach dem „Woher“ und „Wohin“ mit der Natur- und Kulturgeschichte des Aales zu verbinden. Es ist erstaunlich, wieviel der Aal uns über uns selbst beibringen kann: Ein Tier, über das wir immer noch ausgesprochen wenig wissen. Ein Tier, das so mysteriös ist, dass es schon Aristoteles faszinierte. Forscher entdeckten erst 1920, wo sich die Laich-gebiete befinden. Ein Tier, das sich am Ende seines Lebens auf eine 5000 km lange Reise zurück zu seinen Ursprüngen begibt. Jetzt ist der Aal vom Aussterben bedroht. Svensson stellt eindrücklich den Wider-spruch zwischen menschlichem Forscherdrang und Zerstörung von Lebensraum dar. Dass sich der Aal nicht züchten lässt, führt dazu, dass er für immer verschwindet und mit ihm ein Geheimnis der Welt. Ein Buch, an dessen Ende man den Aal ins Herz geschlossen haben wird und das anregt, über die Suche nach unserem „Woher“ nachzudenken.

Das Buch Ana

von Sue Monk Kidd
btb-Verlag
ISBN 978-3-442-75903-3
22 €

„Mein Name ist Ana, ich war die Frau von Jesus von Nazareth.“ So beginnt Anas faszinierende Geschichte. Ich bin kein Freund von historischen Romanen, überlasse diese gerne meinen KollegInnen, aber Anas Leben hat mich sofort in den Bann gezogen. Sie lebt in wohlhabenden Verhältnissen im römisch besetzten Galiläa und kann lesen und schreiben. Ein Privileg in einer von Männern dominierten Zeit, in der Frauen nur angepasst, unterwürfig und willig sein sollten. Die eigensinnige Ana rebelliert gegen diese Regeln, wehrt sich gegen eine Zwangsehe. Sie studiert die Tora, fertigt heimlich Schriften über die vergessenen Frauen in dieser an. Mit 14 Jahren begegnet sie dem Handwerker Jesus und verliebt sich. Beide spüren, dass der jeweils andere zu mehr berufen ist. Ana weiß, sie muss den Frauen eine Stimme verleihen. Sie muss eine Stimme sein. Dies ist eines dieser Bücher, die man selber lesen muss, da keine Rezension ihm wirklich gerecht werden kann.

Rote Kreuze

von Sasha Filipenko
Diogenes 2020
ISBN 978-3-257-07124-5
Preis 22 €

Sasha zieht im Jahr 2000 nach Minsk, nachdem sein Leben jäh entzweigerissen wurde. Seine neue Nachbarin ist Tatjana, 90 Jahre alt, zu Kriegszeiten Übersetzerin im Außenministerium. Kürzlich wurde bei ihr beginnende Demenz diagnostiziert. Aber ihr Langzeitgedächtnis funktioniert noch. Sie überfällt den anfangs nur widerwillig zuhörenden Sasha mit ihrer Lebensgeschichte, einer Biographie der Angst aus Sowjetzeiten. Sasha Filipenko legt den historischen Fokus seines Romans auf die Stalinzeit und die Kriegsgefangenenpolitik der Sowjetunion, die für Tatjana katastrophale Konsequenzen hat. Stalinistische Säuberungen, brutale Verhöre, GULAG – die Grausamkeit des Sowjetregimes ist hier auf 280 Seiten komprimiert. Der junge Autor, Jahrgang 1984, arbeitet auch als Journalist: Sein Buch hat einen eher berichtenden, schnörkellosen Tonfall. Es ist gut recherchiert und zitiert ausführlich aus Originaldokumenten. Rote Kreuze ist eine engagierte Kampfansage an das Verlieren, ja Auslöschen des historischen Gedächtnisses – eine Tendenz, die es heute nicht nur in Russland gibt.

Kontakt

Adresse Marktstr. 5, 58452 Witten

Telefon 02302 51910

Mobil 0173 624 93 99

E-Mail:  info (at) lehmkul-witten.de